eigene Texte

In der Adventszeit tauchte in der Spinngruppe die Frage auf, woher der Volksglaube stammt, dass in der Weihnachtszeit nicht gesponnen werden dürfe.

In der Zeit vom 25.12 bis 6.1. sind die sogenannten Rauhnächte. Die Bezeichnung geht auf das mittelhochdeutsche Wort ruch (haarig) zurück. Bekannt für diesen Zeitraum dürfte auch die Bezeichnung „zwischen den  Jahren“ sein. Diese Bezeichnung gründet auf Meinungsverschiedenheiten über den exakten Beginn des neuen Jahres. Erst 1691 wurde der 1.Januar von Papst Innozens XII als Neujahrsbeginn erklärt; dessen ungeachtet konnte das Datum  des Jahresbeginns von Bistum zu Bistum variieren.
Einfluss auf die Deutung der Geschehnisse in den Rauhnächten hat auch die Umstellung der Zeitrechnung von der Berechnung eines Jahreskreises nach dem Mondkalender (12 Mondmonate = 354 Tage) auf die eines Sonnenjahres (365 Tage). Es ergeben sich elf Tage (= 12 Nächte) Unterschied, die als Tage außerhalb der Zeit empfunden wurden.
 Von solchen Tagen wurde allgemein angenommen, dass die normalen Gesetze der Natur außer Kraft gesetzt sind, und daher die Grenzen zu gewissen anderen Welten fallen. In dieser Zeitphase scheinen die Pforten zur Anderswelt offener zu sein als sonst. Es wimmelt von Geistern, Dämonen und sonstigen haarigen Wesen.
„Zu den verbreitesten Vorstellungen volkstümlicher Überlieferung gehört der Glaube an ein wild dahinstürmendes, Schrecken verbreitendes Geisterheer“ schreibt Will Thoma. Es wütet deutlich sichtbar in Sturmwinden und Nebelschwaden die heidnische Dämonenwelt: Die Wilde Jagd, angeführt von Wotan und begleitet von Freya, deren Wesensarten mit zunehmender Christianisierung verteufelt wurden.
Freya, in uralter Zeit Schutzgöttin der Eheleute, arbeitete, wenn sie nicht mit ihrem Gemahl Wotan unterwegs war, in ihrem Heim an ihrem goldenen Spinnrocken. Sie zauberte seidenweiches Garn hervor, das sie großzügig an werdende Mütter und emsige Hausfrauen verteilte. Im Laufe der Zeit wurde sie zur Dämonin umgedeutet, zur Percht, die noch heute im alpenländischen Raum am Vorabend zu Dreikönig in lärmenden Umzügen mit fürchterlichem Getöse vertrieben werden soll.

„Die Percht als Teil der Wilden Jagd war bereits in der Antike fester Bestandteil der Neujahrszeremonien.  Mit zunehmender Christianisierung (...) wurde die Percht dann zunehmend zur Gestalt der „ domina Berchta“, einer Personifizierung der Trägheit und Verschwendungssucht. Eine Übertragung des Namens der Perchta auf die sie begleitenden Dämonen und Geister findet man erstmals im 16. Jahrhundert. Das wilde Treiben wurde in den folgenden Jahrhunderten allerdings zunehmend als unchristlicher Aberglaube abgetan.“(www. Hellfaces.at/brauchtum.html)
In Thüringen  sind derart schaurig-schöne Umzüge als „ Nacht der Hullefrauen“ bekannt. Die Gestalt der Frau Holle ist hier zu erkennen. Letztendlich hat Freya mit ihren liebenswerten Zügen auch Eingang in die Märchenwelt gefunden.
Um die Wilde Jagd mit ihren dunkelen Gesellen nicht zu locken, hielten die Menschen viele Regeln ein. Sie wuschen zum Beispiel keine Wäsche, denn würde die wilde Jagd diese auf der Leine hängen sehen, würde die Wäsche von den Reitern gestohlen, um dann im Laufe des Jahres als Leichentuch für den Besitzer benutzt zu werden.
„ Würde ein Mädchen in diesen Tagen das Spinnrad schnurren lassen, so käme Frau Holle unverzüglich in der Nacht und würde die Wolle verwirren“, schreibt Albert Reinhardt.

In Oberösterreich macht man Rockenrast: Am Thomastag ( Wintersonnenwende, 21./22.12., wird in einigen Regionen zu den Rauhnächten dazu gezählt) brachte man einst die Rocken in die Dachkammer hinauf    und verhüllte sie mit Tüchern, um das Christkind durch das Schnurren der Räder nicht im Schlummer zu stören, oder es gar durch die Gespräche, wie sie beim Spinnen nicht selten geführt werden zu beleidigen. Erst nach dem Dreikönigstag fing man wieder zu spinnen an.
Insgesamt durften in den Rauhnächten nur die notwendigsten Arbeiten verrichtet werden; auf dem Land hatte das Gesinde frei.

Die anfangs gestellte Frage nach der Herkunft des Spinnverbotes findet nun Antwort: Die Verbote sind Überbleibsel aus dem Glauben an die mythische Naturgötterwelt, die sich trotz des sich schrittweise vollziehenden Wechsels der Weltanschauung hin zur christlichen Glaubenslehre noch heute finden.

Ich finde, es ist eine gute Idee, sich in der Zeit der Rauhnächte auch heute noch Ruhe zu verordnen und Einkehr zu halten, um dem weihnachtlichem Konsumterror mit der aberwitzigen Hektik und sonstigem Trubel etwas entgegenzusetzen. Allerdings nehme ich mir dann besonders viel Zeit für mein Spinnrad, die ich mit Muße, Ruhe und Frieden erfüllt finde. In der Form kann das Spinnen  einen Gegenpol zu unserer schnelllebigen Zeit bilden. Vielleicht den ( erneuten ) Wechsel einer Weltanschauung einläuten?

Literaturhinweise
Ehrenfried  Kluckert: Schnellkurs Mythen und Sagen DuMont 2006

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen